MNEMOSYNE

Auf der Suche nach dem, was hinter dem Offensichtlichen ist, macht Sonia Itten vorwiegend die Menschheitsgeschichte zum ästhetischen Objekt - sie arbeitet mit dem Lebens-und dem Leidensschatz der Menschheit. Es um die "Baupläne" unserer Gesellschaften - um überlieferte Geschichten, Mythen, Märchen, Sagen und Legenden, um das Denken von Gut und Böse, um Natur, Philosophien, Krieg und Frieden, Leiden und Glück, Religionen, Wissenschaften und die Zeit mit ihren Veränderungen als die größte aller Mächte.

Hier findet sich der Bezug zu der Arbeit von Aby Warburg und der "Mnemosyne", der Erinnerungskultur (benannt nach der antiken griechischen Göttin der Erinnerung). Aby Warburgs weitgehende Beschränkung auf Bilder europäischer Kunstepochen lässt Sonia Itten allerdings hinter sich. Sie findet weltweit Phänomene der Menschheit, die sie in Bildern, aber auch oftmals in realen Objekten oder Fotos auf eine Weise symbolhaft kombiniert, dass sie - und hier wären wir wieder bei Warburg - miteinander vor uns und für uns - aber auch mit uns -  in Dialoge treten. So rufen ihre Arbeiten bei den Betrachtenden ein kulturelles individuelles Echo auf, während gleichzeitig unser kollektives Gedächtnis einen starken Impuls erhält.


Von einem persönlichen Erlebnis und eigener Emotion getragen, erzählt sie in ihren Bildern von innen nach außen, im kreativen Prozess immer weitere Kreise ziehend - bis in Bereiche, wo es auf einmal alle betrifft. Oder manchmal geht es umgekehrt: Von historischen oder aktuellen Ereignissen oder Geschichten ausgehend, arbeitet sich Sonia Itten Schicht für Schicht nach innen vor, bis dorthin, wo es uns im Innersten und Emotionalsten berührt. Es geht hier um das, was Aristoteles mit den Worten meinte :

Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen war.“


So entstehen Bilder als Ergebnissse von intensiven Denk-Fühl-Arbeitsabläufen, bei denen die Erfassung der Welt mit dem künstlerischen Prozess Hand in Hand geht.

Das Gesamtwerk schließlich scheint auf seine Weise dem großen "Weltdurcheinander" eine eigene, ganzheitliche Ordnung zu geben, die uns die Jahrhunderte erspüren läßt.

Zwar ist es schwierig, solche Erlebnis-Erfahrungen zu verbalisieren, aber unkommunizierbar müssen sie deshalb nicht bleiben, wie diese Bilder zeigen.


Analoge Collage

Auch ohne jegliche Berührung scheinen die Bilder von Sonia Itten meist eine haptische Erfahrung zu vermitteln, sie machen Zeit und Erinnerung zum sinnlich erfahrbaren Material.

Die vielen Schichten, aus denen sie bestehen, sieht man ihnen an und so sind sie schließlich selbst ein authentischer Beleg des Prozesshaften geworden - allerdings ohne jedoch die Geschichte ihres eigenen Geschaffenwerdens zu ihrem vorrangigen Inhalt zu erklären.


Die Farbschichten scheinen den zeitlichen Prozess zu reproduzieren:

Verschüttetes findet man und Überdecktes, Verlorengegangenes und

wieder Gefundenes, Vergessenes, Rätselhaftes, zu Erinnerndes und kostbar Erscheinendes - kostbar deswegen, weil es in uns ein kraftvolles kulturelles Echo hervor ruft. 

Die Episoden, ferne Menschen und ferne Zeiten, Namen, Länder, Malereien, Gegenstände, Zeichnungen, plastische relief-artige Gestaltungen, die Texte, manchmal gar Tagespolitisches, Bilder, Fotos, Farben, Linien... alles verbindet sich zu einer analogen Collage, die uns im Kognitiven wie Emotionalen gleichzeitig fordert, das ungesteuerte Freie in uns sprechen diese Bilder an - und man darf sich ruhig verlieren, ein eigenes Gespür entwickeln, darf seinen Augen und Emotionen trauen um einen eigenen inneren Pfad zu den immerwährenden Themen des Menschseins zu finden.


Und da diese Arbeiten unseren kleinen momentanen Augenblick für uns ausweiten - gleichzeitig in beide Richtungen - in die Tiefen der Vergangenheit und in die Weiten der Zukunft, darf man sich schließlich selbst geborgen fühlen im Strom der Zeiten. 

Fastfood für die Augen sind diese Bilder nicht und nichts für Eilige: Sie brauchen Menschen, die ihren Botschaften folgen mögen und sich einladen lassen in das Gedankenlabyrinth von abwesenden Orten und vergessenen Geschichten, welche wir wieder finden in unserem eigenen Gedächtnis und der darin aufgehobenen individuellen und kollektiven Vergangenheit. 

Aus der Tiefe der Oberflächen senden die Werke ihre vagen Versprechen und geheimnisvoll anmutenden Botschaften aus und so verkünden sie in ihrer Schönheit und Stille ihre eindringlichen Signale und bieten uns ihre durchaus meditative Weise an, sich mit dem Zustand unserer Welt zu beschäftigen.

Und man könnte meinen, diese Bilder träumten für immer weiter.

(Text: Dr. B. Wewerinck-Beeke, Kunsthistorikerin, Amsterdam, alle Rechte vorbehalten)