Die Tiefe der Oberfläche

 

Transparente Farbverläufe, die wie zarte Schleier wirken, kräftige Malerei und feine, manchmal auch figürliche Zeichnungen und flüchtige Skizzen korrespondieren auf den Bildern von Sonia Ilios mit reliefartigen, steinigen Oberflächen, die bei der Betrachtung – auch ohne jede Berührung – die Suggestion für ein sinnliches Erlebnis vermitteln. Die Poesie dieser Malerei, mal fröhlich und märchenhaft verwoben, manchmal auch klar, fast karg, monochrom und minimalistisch, lädt Betrachtende dazu ein, Erinnerungen, Verborgenes, Träumendes, Zweideutiges und Visionen an die Oberfläche treten zu lassen.   

 

Viele Schichten legen sich in einem langen Arbeitsprozess übereinander, bis endlich Spannung mit Stille in Harmonie steht: Das fertige Bild schließlich ist wie ein eingefrorener Zeitpunkt. Eingearbeitete Objekte wie Münzen, Teile von Computern, Scherben, Holz, Steine, Handys, Schlüssel, konservierte kleine Tiere und vieles mehr erscheinen in diesen Bildkontexten wie rätselhafte Kostbarkeiten und provozieren ein kraftvolles Gedankenecho unseres kulturellen Gedächtnisses.

 

Prophetin oder Clown: Sonia Ilios arbeitet in dem Spannungsfeld zwischen Drama, Witz und Rätselhaftigkeit. So gibt sie einer Bilderserie mit konservierten Fröschen, die dem Autoverkehr zum Opfer fielen, den an archäologische Ausgrabungen erinnernden Titel „Prinzengräber I – XII“, denn: "nun ist es ja zu spät für eine echte Prinzessin, sie durch einen Kuss in Prinzen zu verwandeln". In Polyesterglas konservierte Insekten bekommen als Bildobjekte ein neues Leben und sie lassen mit ihrer erhaltenen Schönheit und Eleganz für den Bruchteil einer Sekunde die Grenzen zwischen dem Diesseits und Jenseits wohltuend verschwimmen. 

 

Außer Kunst hat Sonia Ilios auch Geschichte, Kunstpädagogik, Kunstgeschichte, Politik und Archäologie studiert und interessiert sich "eigentlich für fast alles", wie sie selbst sagt. Dabei lässt sie kaum einen Bezugspunkt aus. Was immer ihr auch begegnet, sie verinnerlicht es problemlos, um mit ihren Mitteln die assoziative Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Welt zu suchen und, um nach den fundamentalen Fragen zu forschen, die hinter dem Offensichtlichen stehen.  

 

Aus der Tiefe ihrer Oberflächen scheinen diese Bilder vage Versprechen und geheime, manchmal gar alchimistisch anmutende Botschaften auszusenden und sie verkünden in ihrer Schönheit und Stille ihre gedämpften, aber eindringlichen Signale.   

 

Sie brauchen Menschen, die ihren Botschaften folgen und die sich einladen lassen wollen in das Gedankenlabyrinth von abwesenden Orten und vergessenen Geschichten, welche wir wieder finden in unserem Gedächtnis und der darin aufgehobenen individuellen und kollektiven Vergangenheit.

 

S. Bina